An Alzheimer zu verzweifeln ist keine Schande

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Man ist seit 40 Jahren verheiratet, hat Kinder groß gezogen und die Stürme des Lebens gemeistert. Wird dann beim Partner Alzheimer diagnostiziert, erschüttert das die Beziehung zutiefst. Wäre man bloß nicht zum Arzt gegangen, vielleicht hätte man den Status Quo mit Gedächtnistraining aufrecht erhalten, vielleicht wäre die Krankheit nach außen nicht aufgefallen.

Claudia Bayer-Feldmann, Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft München e. V., und Fritz Schillhuber, Leiter des Sanatoriums für Demenzkranke in Schwindegg, kennen die Sorgen und Nöte der Betroffenen. »Die Krankheit ist furchtbar. Aber da es heute viel mehr Unterstützung gibt als früher, sollte man sich so früh wie möglich informieren und Hilfe holen«, so die Experten.

Wer bei verdächtigen Symptomen zum Arzt geht, kann mit Medikamenten den Krankheitsverlauf vielleicht verlangsamen, um in Ruhe zusammen mit dem Partner vorzusorgen und Entscheidungen über spätere Schritte zu treffen, wie den Einzug ins Pflegeheim. »Das ist eines der größten Tabus«, sagt Schillhuber, »man verspricht sich selbst und der Familie, dass man sich für den Partner aufopfern wird.«

Dabei stoße fast jeder, der einen Demenzkranken zu Hause pflege, bald an seine Grenzen, berichtet Bayer-Feldmann. »In der Regel müssen das 90 Prozent derer erkennen, die ihren Partner nie in ein Heim geben wollten.« Informationsmaterial, Beratungen und Selbsthilfegruppen bieten Rüstzeug für den Umgang mit Vorwürfen und Schuldgefühlen. »Viele glauben, sich ständig vor Nachbarn, Freunden oder den Kindern rechtfertigen zu müssen,« hat Bayer-Feldmann in der langjährigen Begleitung von Angehörigen erfahren.

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Dabei sei es in manchen Situationen für beide Partner besser, den Kranken in eine Einrichtung zu bringen, meint Bayer-Feldmann. Auch Schillhuber, der seit zehn Jahren das Augustinum Schwindegg leitet, konnte immer wieder beobachten, wie von Demenzkranken der Leistungsdruck abfalle, keine Fehler machen zu dürfen, den Partner nicht zu verärgern.

Den demenzkranken Ehepartner ins Heim zu geben, ist immer noch tabu. Trotzdem atmen oft beide auf, wenn der Schritt einmal vollzogen ist.« »Ich blühe auf«, hatte eine Frau erzählt, nachdem sie ihren Mann in Schwindegg in Sicherheit wusste.

Sie konnte nachts wieder schlafen, traf sich mit Freundinnen und ging in Museen. Für ihren Mann, den sie regelmäßig besuchte, war sie Gedächtnis und die Verbindung nach draußen.

Der intensive Kontakt und die Verantwortung für den Partner, auch wenn er bereits im Heim wohnt, ist nach Erfahrung Schillhubers wichtig: »Es hat Fälle gegeben, in denen sich die gesunden Partner »entmündigt« fühlten, weil die Einrichtung ihnen alles abnahm und sie mehr gebraucht wurden.« Die unternehmungslustige Frau ist inzwischen gestorben, während ihr Mann noch im Sanatorium Schwindegg lebt. »Trotzdem ist es für den Ehepartner der schlimmste Schritt, den Kranken in eine Einrichtung zu geben. Niemand kann einem diesen Gewissenskonflikt abnehmen«, sagt Schillhuber. Deshalb haben er und seine Frau längst eine Patientenverfügung aufgesetzt und Vorkehrungen für den Ernstfall getroffen. 

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Dieser Beitrag wurde von Detlef Klemme eingestellt. Der Paderborner Journalist und Buchautor leitet seit über 10 Jahren die Fachredaktion im BLiCKpunkt Medienverbund. Außerdem führt er seit 2012 den Verein Pflegeliga e.V. als geschäftsführender Vorstandsvorsitzender.

 

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