Demenz verstehen – Teil 3: Was tun, wenn Oma schreit, kratzt und schlägt

WOKON_Banner_250x300

Bis zu 30 % sparen

Jede Phase einer Demenz verläuft anders. Und eine Demenz verläuft auch nicht bei jedem Menschen gleich.

Einige Patienten schreien und rufen den ganzen Tag.

Die Angehörigen wissen sich oft nicht mehr zu helfen. Sind überfordert. Und die Nachbarn schauen schon schief, wenn dauernd jemand um Hilfe schreit.

Doch was können Angehörige in so einer Situation machen?

Autorin: Brita Wellnitz, eine Fachfrau rund um das Thema DEMENZ.*

„HerausforderndesVerhalten“ bei Personen mit einer demenziellen Erkrankung

Sehr oft kann man beobachten, dass Menschen mit Demenz ein Verhalten zeigen, welches in der Tat als „auffällig“, aber keinesfalls als „herausfordernd“ bezeichnet werden kann.

Denn in den allermeisten Fällen will der erkrankte Mesch keineswegs „böse“ sein, jemanden mit seinem Verhalten gar ärgern.

Es ist wichtig, die Person als Ganzes zu sehen: Seine Umgebung, die Menschen die mit ihm zusammen sind, den gesamten Tagesablauf, den Fortschritt der Erkrankung und vieles mehr.

Und man muß sich nach Kenntnisgewinnung der Krankheitsentwicklung Demenz die Mühe machen, sich in die Situation des Erkrankten zu versetzen.

Der Umgang mit dem Menschen mit Demenz sollte darauf ausgelegt sein, ihm vorbehaltlos und empathisch zu begegnen und sich ernsthaft mit seinem Problem zu beschäftigen.

 

Können diese Rahmenbedingungen eingehalten werden, dann gelingt der gesamte Kommunikationsprozess leichter, stressfreier und für beide Seiten zufriedenstellend.

Beispiel: Schreien, Rufen, mit der Faust auf den Tisch hauen

Dieses Verhalten erlebt man sehr sehr häufig in Altenheimen, Tagespflegestätten, Krankenhäusern oder anderen Einrichtungen. Im häuslichen Umfeld kann man vermehrtes Schreien bei Erkrankten dann beobachten, wenn sie viel allein und/oder immobil sind.

„Hiiiilfeeeee!!!!“ „Hilfe!“ – immer und immer wieder gerufen, kann es einem den letzten Nerv rauben.

Mit der Faust auf den Tabletttisch des Rollstuhls bummern, so lange und so doll, dass wir vermuten müssen, er zerbricht in viele Teile – einige kennen vielleicht so ein Verhalten.

Oder das andauernde „Hallo“-Rufen. 10 Sekunden, nachdem man gerade das Zimmer verlassen hat, wiederholen sich die Rufe schon wieder. Und dann wieder und wieder.

Buchempfehlungen zum Thema Demenz

Die Fakten:

  • Der Erkrankte will in den allermeisten Fällen sein Umfeld NICHT ärgern.
  • Der Erkrankte weiß nicht, dass er sein Verhalten eben schon einmal gezeigt hat. Er weiß nicht, dass er Sie eben schon zu sich gerufen hat, und nun gerade erst zwei Minuten vergangen sind. Machmal weiß er schon nicht, wenn Sie in der Tür stehen, dass er eben um Hilfe gerufen hat. Sie fragen, was los ist und der Erkrankte sagt „nichts“. Klar, dass Sie nun auf 180 sind.

 

Extra-Tipp

Wer eine Pflegestufe hat und zu Hause gepflegt wird, hat jeden Monat Anspruch auf kostenlose Pflegehilfsmittel. Diese können Sie hier einfach bestellen

 

Die Erklärung – Warum schreit und schlägt ein Mensch mit Demenz?

Menschen mit Demenz merken, dass sie nach und nach „etwas“ verlieren. Sie bemerken, dass der Gedächtnisverlust zunimmt – zumeist lange, bevor der naheste Angehörige etwas merkt – und sie bemerken, dass Fähigkeiten verloren gehen. Dass man plötzlich nicht mehr weiß, wie etwas funktioniert oder bedient werden kann.

Das macht dem Betroffenen Angst. Im Laufe der Zeit geht so vieles verloren, daß der Mensch mit Demenz nicht mehr in der Lage ist, zu gehen und im Rollstuhl sitzt, kaum mehr etwas zu Wege bringt oder tun kann.

Diese besonderen Verhaltensweisen wie schreien, bummern, klopfen, auch kneifen und schlagen treten meist erst in einem späten Stadium der Erkrankung auf. Eben dann, wenn das kranke Gehirn kaum mehr Beschäftigung oder Bewegung zuläßt.

Versetzen Sie sich hinein in so eine Situation:

Sie sitzen im Rollstuhl, sind zu schwach, dessen Position zu verändern. Es drückt im Rücken, Sie können das nicht allein ändern und niemand ist da. Selbst wenn, Sie können sich vielleicht nicht mal mehr ordentlich ausdrücken und mitteilen, was Ihnen fehlt.

Allein und verlassen ärgern Sie sich über ihre Unbeholfenheit.

Ist es da ein Wunder, wenn der Betroffene schreit?? NEIN! Denn irgendwie muss er ja auf sich und seine Wut aufmerksam machen. Was bleibt ihm weiter? Er kann nur schreien!!

Es ist das, was ihm geblieben ist. Also schreit er und schreit, bis endlich jemand kommt. Und dann hat er vergessen, was ihn so verärgert hat. Die (kurze) Freude über den Erfolg der Schreiattacke (endlich ist jemand gekommen, ich war ja so allein) hat ihn das Drücken im Rücken vergessen lassen.

Und jetzt passiert das Unvermeidliche: Der gestresste Pfleger oder Angehörige, der eh zuwenig Zeit hat, stellt nun fest, dass er umsonst gekommen ist.

Es ist doch gar nichts. „Du weißt ja selbst nicht, was los ist. Was brauchst du denn? Nun sag schon, jetzt bin ich hier.“

Senioren- und Pflegebetten
Große Auswahl - Günstige Preise

 

So unter Druck gesetzt bringt der Mensch mit Demenz gar nichts mehr raus. Er hat vergessen, was er wollte, er schämt sich seiner Vergesslichkeit und dass er offensichtlich nur Ärger macht. Er fühlt sich ungerecht behandelt….

Und während das scheinbar umsonst erschienene Pflegepersonal verbittert den Rückzug antritt, schreit der kranke Mensch schon wieder, noch bevor die Tür geschlossen ist.

Was könnte dem Menschen mit Demenz fehlen

Diese Situation entspannt man nicht sofort. Leider gibt es hier kein Rezept mit sofortigem Erfolg, aber ein paar Handlungsempfehlungen helfen vielleicht auch hier weiter:

Versetzen Sie sich in den Menschen mit Demenz. Warum könnte er schreien? Was kann passiert sein?

Prüfen Sie folgendes:

  • Hat er Durst?
  • Tut ihm etwas weh?
  • Bereitet das Sitzen Probleme? Ist eine Lageänderung angezeigt?
  • Ist etwas zu laut, zu warm, zu kalt, der Fernseher/das Radio zu leise?

Treffen diese Punkte nicht zu, fragen Sie sich folgendes:

  • Ist der Mensch mit Demenz allein? Wie lange schon?
  • Oder ist er einfach nur traurig? Oder traurig, weil er allein ist?
  • Hat er womöglich das Gefühl, überflüssig, sogar eine Last zu sein?

Bei den letzten drei Punkten fragen Sie sich bitte, ob SIE an dieser Situation nicht jetzt sofort etwas ändern können.

Was kann man in so einer Situation tun?

Ganz wichtig: Niemals mit Vorwürfen arbeiten!

Es könnte ein „kleines Wunder“ passieren, wenn Sie folgendermaßen vorgehen:

Sagen Sie etwas in der Art wie zum Beispiel: „Ich sehe, du bist allein und traurig. Ich habe noch viel in der Küche zu tun und kann mich nicht zu dir setzen, aber weißt du was, ich nehme dich mit in die Küche. Dort läuft gerade die Schlagerparade von 1975, das muss doch genau deine Zeit gewesesn sein. Hören wir uns die Lieder gemeinsam an, dann bin auch ich nicht so allein.“

Vielleicht haben Sie noch eine „gaaaanz wichtige Arbeit“ für den Erkrankten – etwa Servietten falten oder Nüsse knacken oder irgendetwas sehr einfaches.

Die wirkungsvolle Regel lautet: Aufmerksamkeit und Zuneigung verhindern „herausforderndes Verhalten“. Denn letztlich es ist „forderndes Verhalten“.

Eingefordert werden

  • Aufmerksamkeit,
  • Liebe,
  • Verständnis,
  • Zuhören,
  • Dasein.
  • Und nicht zuletzt schreit sich der Mensch mit Demenz auch die Wut aus dem Leib über seine Situation, die ihm immer mehr entgleitet, die er immer weniger versteht und mit der er zunehmend unzufriedener wird.

Der Erkrankte kann nur so auf sich und seine ausweglose Situation aufmerksam machen. Helfen wir ihm, seine Situation dauerhaft angenehm und erträglich zu gestalten, muss er nicht mehr schreien.

 

Püreemenüs - energiereich und herzhaft im Geschmack

Püreemenüs - energiereich und herzhaft im Geschmack

 

Versuchen wir also herauszufinden, was dem Menschen mit Demenz fehlt. Geben wir ihm das, was wir selbst gern in so einer Situation hätten.

  • Lassen wir ihn spüren, dass er kein „ungeliebtes Wesen“ im hintersten Zimmer ist, sondern zu uns gehört.
  • Massieren wir ihm die Hände mit der übrigen Handcreme, die wir zuviel aus der Tube gedrückt haben.
  • Legen wir seine Lieblingsmusik auf.
  • Stellen wir den Rollstuhl so, dass er den Kindern im Garten beim Spielen zusehen kann.
  • Geben wir ihm etwas zu tun, das Kartenspiel, das unbedingt sortiert werden muss, die Gästehandtücher, die zusammengelegt werden müssen…
  • BEWEISEN SIE PHANTASIE!

Haben Sie Geduld und binden Sie den Erkrankten immer wieder in ihren Tag mit ein. Der Lohn ist ein zufriedener und nicht nach Lebensberechtigung schreiender Mensch.

Und Sie werden Ihre Angelegenheiten nun erst recht wieder alle erledigen können, denn Sie müssen nicht mehr alle zwei Minuten zum keifenden kranken Menschen, wenn dieser Dank Ihrer Aufmerksamkeit ausgeglichener ist.

Bitte lassen Sie mich noch eine Anmerkung machen:

Nicht immer, nicht bei jedem Erkrankten und nicht bei jedem Krankheitsbild oder –fortschritt läßt sich mit Liebe und Geduld eine Lösung finden. Es gibt auch Menschen, bei denen das alles allein nicht hilft.

Dann kann vielleicht der Arzt helfen, indem er mit einem Medikament unterstützt, was Sie bereits mit viel Ausdauer und Empathie begonnen haben. Scheuen Sie sich nicht, Ihren Hausarzt oder den Neurologen um Rat und Hilfe zu bitten.

Manchmal ist ein entsprechendes Medikament eine große Hilfe – nicht nur für Sie, auch für den Erkrankten, der womöglich ohne medikamentöse Unterstützung gar nicht mehr allein zur Ruhe kommt und jetzt erst Ihre Aufmerksamkeit und Einbindung bemerkt und sich darauf einlassen kann.

* Dieser Beitrag stammt aus der Feder von Brita Wellnitz, Leiterin der Demenz-WG Schwarzachhaus. Ihre Beiträge entstehen aus dem täglichen Umgang mit Demenzpatienten.

Anschaffungsempfehlung (verringert ungemein die Suchzeiten!!)

Brita Wellnitz empfiehlt für genau diese Fälle die Anschaffung eines „Loc8tor“.

Mit einem kleinen Suchdetektor findet man in über 100 Metern Reichweite den zuvor an den Dingen befestigten kleinen Anhänger. Ideal für Geldbörse, Brieftasche, Fernbedienung, Schlüsselbund.

 

Pflege-Wiki beschreibt Herausforderndes Verhalten so:

Im Zusammenhang mit „Demenz“ wird eine besonders typische, bei verschiedenen Erkrankten wiederkehrende Verhaltensauffälligkeit beschrieben, die als Belastung der Pflegenden und der Personen in der Umgebung wahrgenommen wird. Als herausforderndes Verhalten wird oft beschrieben, wenn sich eine Person über lange Zeiten des Tages nicht situationsgerecht, sozial unangepasst verhält. Es heißt dann oft, dass sich die betreffende Person – trotz geduldigem Erklären – der Pflege widersetzt oder andere „stört.“ Die Verhaltensauffälligkeit kann beispielsweise als durchdringendes Hilferufen, ständiges „Herumlaufen“ oder in Form von „Schreiattacken“ beobachtet werden.

Quelle: http://www.pflegewiki.de/wiki/Herausforderndes_Verhalten

Dieser Beitrag ist Teil unserer Demenz-Serie. Weitere Beiträge:

Weitere Beiträge rund um das Thema Pflege:

 

Sie möchten immer die neuesten Beiträge dieses Blogs lesen?
Hier können Sie sich in unseren kostenlosen Newsletter eintragen

© by www.Pflege-durch-Angehoerige.de

banner_590x190