Warum Menschen mit Demenz Sachen verlegen

Eines vorweg: Wenn Menschen mit Demenz Sachen verlegen, dann ist es mit Sicherheit kein Akt von Böswilligkeit. Im Gegenteil. Ein an Demenz erkrankter Mensch „denkt“ irgendwann mal anders. Wir haben das Gefühl, dass er seine eigene Logik entwickelt. Für Angehörige ist es deshalb wichtig, dass sie nachvollziehen können, wie der Erkrankte denkt, was seine Beweggründe sind.

Unsere Gastautorin, Brita Wellnitz, zeigt Ihnen anhand der wahren Geschichte vom verlorenen Telefon, was eine demenzkranke Mutter dazu bewegt haben könnte, das Handy ihrer Tochter an einer Stelle abzulegen, wo man es nie vermutet hätte.

Die (wahre) Geschichte vom verlorenen Telefon

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Eine Tochter besuchte ihre Eltern in ihrem Zuhause. Dort legte sie ihr Handy auf den Tisch und verbringt den Nachmittag zusammen mit ihrem Vater und ihrer an Demenz erkrankten Mutter. Irgendwann verabschiedete sich die Tochter und fuhr weg.

Unterwegs bemerkte sie das Fehlen ihres Telefons und drehte um. Zuvor hielt sie noch bei einer Freundin an um deren Telefon zu leihen und kündigte ihren Eltern die Rückkehr und den Grund, das vergessene Telefon, an.

Dort zurückgekommen erwartet sie ihre in Tränen aufgelöste Mutter mit den Worten:

„Kind, dein Telefon ist nicht mehr da. Es war da, aber nun ist es weg. Vielleicht ist es gestohlen worden, vielleicht habe ich es verlegt. Ich finde es nicht, es ist einfach weg!“

Die Tochter konnte ihre Mutter kaum beruhigen. Diese hatte ein schlechtes Gewissen, war fast panisch, äußerte Schuldgefühle, war tieftraurig. Die Tochter erklärte, dass man nun zum Festnetztelefon gehen und die Handynummer anrufen könnte. Durch diesen Trick müsste man gar nicht suchen, sondern man würden ja hören können, wo es klingelt.

Die Mutter schaute ihre Tochter verwirrt an. Plötzlich klärten sich ihre Augen, sie hatte verstanden, was diese vorhatte. Überglücklich, dass nicht die ganze Wohnung abgesucht werden müsste und keine Polizei wegen Diebstahl ins Spiel käme, deutete sie auf das Festnetztelefon.

Gesagt – getan. Und tatsächlich, der Plan funktionierte! Es klingelte. Im Schrank. Dort, wo die Eltern die Schokolade und die Kekse aufbewahrten. Die Tochter öffnete die Schranktür und sah – nichts. Kein Telefon. Aber noch immer klingelte es und das Klingeln kam eindeutig aus dem „Süßigkeitenfach“.

Dann entdeckte die Tochter das kleine, hübsch verpackte Päckchen. Sie nahm es heraus, in diesem Moment hörte auch das Klingeln auf. Als wollte es signalisieren: ‚jetzt hast du mich ja gefunden‘. Was sie tatsächlich fand, kann man auf den Fotos sehen. Es erklärt mehr als alle Worte:

Dieses kleine klingelnde Päckchen, umschlossen mit einem Gummiband, fand sich im Schrank.

Bild 1

Gummi ab. Langsam auswickeln….

Bild 2

Huch, was ist das? Ein Nasch-Stück Schokolade…

Bild 3

Da ist ja das Telefon.

Was ist das noch? Ein Zettel….

Bild 4

… mit einer Liebesbotschaft

Was war da geschehen?

Was gingen dieser Frau mit mittelschwerer Demenz für Gedanken durch den Kopf? Die professionelle Betrachtung der Situation. Eine Rekonstruktion.


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  • Die Tochter war kaum aus dem Haus, da entdeckt ihre Mutter, dass das Telefon auf dem Tisch vergessen wurde.
  • Sie denkt sich: „Oh, das ist wichtig für meine Tochter, sie braucht ihr Telefon. Ich muss es unbedingt für sie bereitlegen, sie wird es abholen wollen.“
  • Sie legt es an die Seite, an eine Stelle auf der Schrankwand, an der auch wichtige Briefe gelagert wurden.
  • Nach einer Weile denkt sie sich.“ Ich könnte ihr eine Freude machen. Wenn sie sich schon ärgert, weil sie zurückfahren muss, lege ich ihr was Süßes dazu.“
  • Sie legt das Eck Schokolade auf das Telefon. Wieder vergeht ein Moment. Sie ist sehr mit der Tatsache beschäftigt, dass die Tochter das Telefon vergessen hat. Immer wieder schaut sie darauf. Jetzt sieht sie die Schokolade direkt auf dem Handy. „So geht das nicht.“ Denkt sie. „Ich muss es etwas einwickeln.“
  • Sie sucht und findet die hübsche gepunktete Serviette. „Die ist geeignet. Und wenn ich schon so ein hübsches Geschenk daraus mache, dann lege ich noch einen Liebesbrief mit hinein.“
  • Sie gibt sich alle Mühe und schreibt. Das Schreiben fällt ihr schwer, die Buchstaben wollen nicht so recht aussehen, wie sie es will, aber sie schreibt ihren Satz zu Ende und verziert ihn sogar noch ein bisschen.
  • Alles wird verpackt, und da liegt ja noch ein Gummi, mit welchem sie alles umschließt. Nun findet sie das Päckchen hübsch und sicher eingepackt und legt es an die alte Stelle.
  • Ein paar Minuten vergehen. Irgendwann fällt ihr Blick auf das kleine gepunktete Päckchen. Sie weiß nicht mehr was sich darin verbirgt. Und sie findet auch es gehört nicht an den Platz mit den wichtigen Briefen. Sie räumt das gepunktete Päckchen auf. In den Schrank am besten. Denn da ist es sicher.
  • Jetzt erfolgt der Anruf der Tochter. „Ach ja, dein Telefon. Es ist hier, du kannst es abholen.“
  • Während die Tochter zurück zu ihren Eltern fährt, verfällt die Mutter zu Hause in Panik. Sie findet einfach das Telefon ihrer Tochter nicht mehr. Sie weiß nicht mehr, dass sie es eingewickelt hat, sie hält Ausschau nach dem kleinen schwarzen Apparat und kann diesen absolut nicht finden. Wie auch, das Handy ist aus ihrem Sichtfeld verschwunden.  Aber es war doch da, sie weiß es genau! 
  • Als die Tochter an der Haustür steht, empfangen sie ein ratloser Vater und eine in Tränen aufgelöste Mutter….

Fazit

In der Elternpflege werden wir pflegenden Angehörige immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt. Wenn Menschen mit Demenz Sachen verlegen, ist das für die erkrankte Person genauso ein Problem wie für die Angehörigen. Die Betroffenen fühlen sich schuldig, weil sie nicht mehr wissen, wo sie den Gegenstand hingelegt haben. Sie schämen sich. Die Angehörigen wissen nicht, wo sie suchen sollen.

Doch meistens haben die Erkrankten einen Grund, warum sie etwas an eine ganz bestimmte Stelle legen. In einigen Fällen hilft es deshalb den Angehörigen, wie ein Detektiv die Gedankengänge von den Demenzpatienten nachzuvollziehen.

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Brita Wellnitz (die Tochter dieser Geschichte), im November 2020

<strong>Brita Wellnitz</strong>
Brita Wellnitz

Brita Wellnitz ist Autorin dieses Beitrags und außerdem DIE Fachfrau, wenn es um Demenz geht. Sie ist Mitbegründerin und Leiterin der Demenz-WG Schwarzachhaus sowie Geschäftsführerin des Fördervereins Lebensring – Verein für Menschen mit besonderen Pflegebedürfnissen e.V.
Brita Wellnitz ist es ein großes Anliegen, Menschen mit Demenz zu verstehen und in ihrer ganzen Person zu respektieren. Sie identifiziert sich mit den Problemen und Herausforderungen der Betroffenen.

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Bildnachweise: Brita Wellnitz

Otto Beier - Autor bei Pflege-durch-Angehoerige

Gemeinsam mit seiner Frau betreut Otto Beier seit 2012 seine pflegebedürftigen Eltern und Schwiegereltern. Er gibt Insider-Tipps für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen und schreibt als Pflegender – direkt von der Front – über seine Erfahrungen mit dem Pflegedschungel.

Mehr gibt es auch auf Facebook oder Xing, aber vor allem auch bei „Über mich“.

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