Demenz verstehen – Teil 5: Wenn Demenzpatienten Schmerzen äußern

Der Umgang mit demenzerkrankten Familienmitgliedern erfordert in der häuslichen Pflege tagtäglich neue Konzentration, neue Kraft und bringt immer wieder Situationen mit sich, die so vorher noch nicht aufgetreten sind.

Wir als Angehörige sind gefordert, die Nerven zu behalten, die Situation zu entschärfen und einfach nur da zu sein.

Eine Sachlage, die immer wieder Unsicherheit mit sich bringt, sind vom Demenzpatienten geäußerte Schmerzen.

Oft verkannt: Schmerzen bei Demenzpatienten

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Schmerzen sind ein Warnsignal des Körpers. Je älter wir werden, umso eher leiden wir an altersbedingten, schmerzhaften Erkrankungen. Doch unser Körper unterscheidet bei seinen Schmerzsignalen nicht, ob wir Demenz haben oder nicht.

Das bedeutet → Auch Menschen mit Demenz haben Schmerzen.

Da die Patienten ihre Schmerzen aber irgendwann nicht mehr richtig mitteilen können, wird ein verändertes Verhalten schnell falsch interpretiert und nicht mit den Schmerzen in Zusammenhang gebracht.

Man geht davon aus, daß ein sehr hoher Prozentsatz der Demenzpatienten an nicht erkannten – und damit auch nicht behandelten – Schmerzen leidet.

Zieht sich die Person mit Demenz zurück, wird sie aggressiver oder zuckt bei der kleinsten Berührung zusammen, können Schmerzen die Ursache für dieses Verhalten sein.


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Wie können Schmerzen bei Menschen mit Demenz festgestellt werden?

Menschen mit einer Demenz im Anfangsstadium können Ihre Schmerzen mit Sicherheit genauso artikulieren, wie jede andere Person auch. Aber wie kann man bei Demenzpatienten, die sich nicht mehr ausreichend verständlich machen können, die Schmerzen erkennen?

Wenn man den Patienten nicht mehr mit Fragen nach seinem körperlichen Befinden erreichen kann, dann ist aufmerksames Beobachten sehr wichtig:

  • Hat sich der Patienten kürzlich angeschlagen oder ist er gar gestürzt? Auch wenn keine Knochenbrüche durch den Sturz entstanden sind, können auch Prellungen unangenehme Schmerzen bereiten.
  • Wenn das Essen und Trinken abgelehnt wird, kann eine Entzündung des Zahnfleisches, eine schlecht sitzende Zahnprothese uvm. Schmerzen verursachen.
  • Ein schmerzverzerrter Gesichtsausdruck, eine verkrampfte Körperhaltung, aber auch ein leises Jammern können auf Schmerzen hindeuten.
  • Patienten, die schon VOR der Demenz chronische Schmerzen wie z.B. Rheuma hatten, werden diese mit der Krankheit nicht verlieren.

icon-book Lese-TiPP: Tipps und Hilfsmittel für die Demenzbetreuung zu Hause.

Was tun, wenn die Schmerzen nicht lokalisiert werden können

Ist die Krankheit schon sehr fortgeschritten, fällt es zunehmend schwerer,

  • den Erkrankten verbal zu verstehen,
  • die Äußerungen zu deuten,
  • schlussendlich zu entscheiden, ob die Schmerzen tatsächlich da sind oder „nur so“ geäußert werden.

Dieser letzte Punkt ist genauer zu beleuchten. Aus der praktischen Arbeit mit an Demenz erkrankten Menschen gibt es Beispiele, in welchen der Schmerz medizinisch betrachtet offensichtlich ausgeschlossen werden konnte aber trotzdem immer wieder geäußert wurde.

  • Zahnschmerzen, obwohl ein Zahnarzt mehrfach bestätigt hat, dass alles in Ordnung ist, kein Karies, keine Löcher, kein Druckschmerz. Auch der Orthopäde konnte keinen Zusammenhang mit den Schmerzen finden und das MRT ergab ebenfalls keinen Befund – oder
  • Magenschmerzen, obwohl die Magenspiegelung ohne Befund war, die Blutwerte alle in Ordnung sind und der Arzt nichts krankhaftes bescheinigen kann??

Ja, das kann passieren. Wir können medizinisch nicht immer genau bis ins Detail erklären, was im Körper des demenziell veränderten Familienmitglieds vor sich geht, aber eines ist ebenso gewiss: Wir können die Mitteilung über den Schmerz auch nicht ignorieren oder gar wegdiskutieren.


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Im Gegenteil: Nehmen Sie diese Äußerungen ernst! Lassen Sie den Patienten unbedingt von Fachärzten untersuchen.

Wenn Ihr Angehöriger Schmerzen äußert, sollten Sie diese unbedingt ernst nehmen und versuchen, Abhilfe zu schaffen. Wenn das nichts bringt, sollten Sie mit ärztlicher Absprache eine Schmerztablette anbieten. Oft helfen diese auch bei Phantomschmerzen!

Jetzt ist wieder Beobachten angesagt:

  • Wie verhält sich das Familienmitglied?
  • Wird es ruhiger und entspannter?
  • Ist ersichtlich, daß die Schmerzen nachlassen?
  • Geht es dem Patienten besser?

Manche Patienten verlangen kurze Zeit nach der Tabletteneinnahme gleich wieder ein Medikament, obwohl ersichtlich war, daß das Medikament gewirkt hat. Woran liegt das? Manche Alzheimerpatienten vergessen einfach, dass sie zwei Minuten zuvor bereits eine Schmerztablette zu sich genommen haben.

Besteht das an Demenz erkrankte Familienmitglied innerhalb kurzer Zeit auf weitere Schmerzmittel, kann unter Umständen zu einem Trick gegriffen werden:

Ersetzen Sie zwischen dem regulären Verabreichungsturnus das Schmerzmedikament mit einem “Placebo”. Schmerztropfen können durch “Tee-Tropfen” ersetzt werden, Schmerztabletten durch Vitamintabletten. Damit ist gewährleistet, dass keine zu hohen Dosen von Schmerzmedikamenten verabreicht werden, die dem Erkrankten nur schaden und ihn gefährden würden. Und wenn es nach einer “richtigen Tablette” aussehen muß, gibt es auch Placebo-Tabletten zu kaufen. Sollten die Schmerzen trotz Schmerzmittel nicht weniger werden, muß weiterhin ein Arzt konsultiert werden.


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Schlußbemerkung: Natürlich haben Sie sich vorher davon überzeugt, dass mangelnde Zuwendung NICHT der Grund für das Äußern der Schmerzen ist. Denn auch das gibt es: Menschen jammern und schreien, klagen über Schmerzen, weil sie erfahren haben, dass Ihnen dann Mitgefühl, Zuneigung und Aufmerksamkeit geschenkt wird. In diesem Zusammenhang verweise ich auf „Demenz verstehen – Teil 3“.

 
Co-Autorin: Brita Wellnitz
Brita Wellnitz ist DIE Fachfrau wenn es um Demenz geht. Sie ist Mitbegründerin und Leiterin der Demenz-WG Schwarzachhaus sowie Geschäftsführerin des Fördervereins Lebensring – Verein für Menschen mit besonderen Pflegebedürfnissen e.V.
Ihr großes Anliegen ist es, Menschen mit Demenz zu verstehen und in ihrer ganzen Person zu respektieren. Sie identifiziert sich mit den Problemen und Herausforderungen der Betroffenen. Ein weiser Satz von Brita Wellnitz: „Wer sich wohlfühlt, läuft nicht weg.“
Das Schwarzachhaus “Robert Bezwald”/

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Otto Beier - Autor bei Pflege-durch-Angehoerige

Gemeinsam mit seiner Frau betreut Otto Beier seit 2012 seine pflegebedürftigen Eltern und Schwiegereltern. Er gibt Insider-Tipps für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen und schreibt als Pflegender – direkt von der Front – über seine Erfahrungen mit dem Pflegedschungel.

Mehr gibt es auch auf Facebook oder Xing, aber vor allem auch bei „Über mich“.

Eine Antwort auf „Demenz verstehen – Teil 5: Wenn Demenzpatienten Schmerzen äußern“

Vielen Dank für den Tipp, mit Schmerzmitteln zu prüfen, ob es besser wird. Mein Vater ist dement, und klagt über Zahnschmerzen. Im Mund konnte der Zahnarzt nichts feststellen aber das Röntgenbild ließ eine Entzündung vermuten. Wir haben nun einen Termin in einer Praxis für Wurzelkanalbehandlungen. Es kann sein, dass sein damaliger Zahnarzt die Wurzelspitzen überfüllt hatte.

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