Freiheitsentziehende Maßnahmen in der Pflege

Mal ehrlich: Würde es Ihnen gefallen, wenn Sie im Krankenhaus oder einem Pflegeheim liegen und plötzlich werden die seitlichen Bettgitter an Ihrem Pflegebett angebracht, man sperrt Sie quasi ein? Vermutlich nicht. Zumal derartige Aktionen nur mit einem richterlichen Beschluss durchgeführt werden dürfen.

Was aber geschieht zum Beispiel mit dementen Menschen, die wider besseres Wissens unbeaufsichtigt versuchen ihr Bett zu verlassen und dadurch schwer verunglücken?

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Stellen Sie sich die Gefahr vor, die einem Menschen droht  der nicht mehr fähig ist, ohne fremde Unterstützung oder Beaufsichtigung alleine zu gehen aber nicht weiß was er tut, der vielleicht an Demenz leidet und zu nächtlicher Unruhe und Bettflucht neigt. Knochenbrüche und andere schwere Verletzungen sind bei diesen Patienten vorprogrammiert, wenn sie alleine und unbeaufsichtigt das Bett verlassen.

Pflegeheime oder betreuende Personen in der häuslichen Pflege müssen deshalb gut überlegen, welche Maßnahmen ergriffen werden sollen.

Wer entscheidet über freiheitsentziehende Maßnahmen? 

Ist es nun eine Vorsichtsmaßnahme und Hilfe, wenn bei diesen Personen zum eigenen Schutz das Bettgitter angebracht wird, um Stürze und daraus resultierende schwere Verletzungen zu vermeiden? Oder ist es eine Freiheitseinschränkung für den Patienten und deshalb sollten auf keinen Fall die Bettgitter angebracht werden? Frei nach dem Motto: Jeder hat das Recht aus dem Bett zu fallen.

Grundsätzlich ist die ethische Beantwortung dieser Fragen sehr schwierig. Da früher freiheitsentziehende Maßnahmen (FEM) in Krankenhäusern und Pflegeheimen sehr schnell angewendet wurden, mußte der Gesetzgeber hier einen Riegel vorschieben. Aber jeder Vorteil hat eben auch einen Nachteil.

Deshalb sollte jeder Angehörige der vor diesem Problem steht, sich gut überlegen, ob er für den Patienten Verletzungen in Kauf nimmt oder ob entsprechende Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, die ganz unterschiedlichster Art sein können.

In diesem Beitrag gehe ich zuerst auf die freiheitsentziehenden Maßnahmen und deren rechtlichen Grundlagen ein. Danach stelle ich noch einige überlegenswerte Alternativen vor, durch die freiheitsentziehende Maßnahmen oftmals vermieden werden können.

Denn freiheitsentziehende Maßnahmen sollten immer erst in Betracht gezogen werden, wenn es überhaupt keine anderen Lösungen mehr gibt.

Was sind freiheitsentziehende Maßnahmen (FEM)?

Zu den freiheitsentziehenden Maßnahmen gehören unter anderem:

  • Das Anbringen von Bettgittern / Bettseitenstützen
  • Das Fixieren des Patienten mit Fixiergurten
  • Die Unterbringung in abgeschlossenen Zimmern oder in Zimmern, an deren Türen Trickschlösser angebracht sind
  • Der Einsatz von Zwangsjacken
  • Die Unterbringung in geschlossenen Stationen
  • Das Wegnehmen von Rollatoren, Rollstühlen oder anderen Gehhilfen

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Wie ist die Gesetzeslage?

Der Gesetzgeber hat beschlossen, dass freiheitsentziehende Maßnahmen bei einem Patienten nur mit richterlichem Beschluss zugelassen werden und dem Wohl des Patienten entsprechen müssen.

Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen und nur zur Abwendung akuter Gefahren, wo für einen kurzen Zeitraum freiheitsentziehende Maßnahmen ohne richterlichen Beschluss angewendet werden dürfen. Zum Beispiel sind während der Aufwachzeit nach einer Operation entsprechende Maßnahmen erlaubt.

Die optimale Lösung wäre natürlich, wenn ein einwilligungsfähiger Patient zu seinem eigenen Schutz selbst den freiheitsentziehenden Maßnahmen zustimmt. Dann bedarf es keines richterlichen Beschlusses.

Was ist der Unterschied zwischen freiheitseinschränkenden und freiheitsentziehenden Maßnahmen

Der Unterschied zwischen freiheitseinschränkenden Maßnahmen und freiheitsentziehenden Maßnahmen liegt in der Schwere des Eingriffs. Freiheitseinschränkende Maßnahmen wären zum Beispiel die Unterbringungen in einer geschlossenen Abteilung. Eine freiheitsentziehende Maßnahme wäre die Fixierung des Patienten mit Fixiergurten.

Wo wird der Antrag auf freiheitsentziehende Maßnahmen gestellt?

Der richterliche Beschluss auf freiheitsentziehende Maßnahmen muss beim zuständigen Betreuungsgericht gestellt werden.

Reicht eine Vorsorgevollmacht oder braucht es einen richterlichen Beschluss

Nein. Weder eine Vorsorgevollmacht noch eine Generalvollmacht reicht aus, um freiheitsentziehende Maßnahmen für seinen Angehörigen anordnen zu können. Es muss ein richterlicher Beschluss vorliegen.

Mehr Informationen zu dieser heiklen Thematik bekommen Sie in dem Buch  „Die neue Vorsorge-Mappe mit CD-ROM – Alles für den Krankheits- oder Todesfall“. Weitere interessante Buchempfehlungen rund um das Thema Pflege finden Sie in der Rubrik Buchtipps

Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen

Es gibt sehr unterschiedliche Maßnahmen, um ungewollten Stürzen und daraus resultierenden schweren Verletzungen vorzubeugen.

Einsatz von Schutz bietenden Produkten wie zum Beispiel

  • Sturzhelm
  • Niederflurbett
  • Hüftprotektor
  • Gehhilfen
  • Sensormatte/Trittmatte vor dem Bett
  • Installieren eines Hausnotrufsystems

Extra-Tipp: Pflegebetten sind Hilfsmittel und können bei der Krankenkasse beantragt werden.

Anpassung der häuslichen Umgebung

  • Beseitigen von Stolperfallen
  • Viel Freifläche zum Gehen
  • Stabile Haltemöglichkeiten im gesamten Wohnbereich
  • Anbringen von Nachtlampen
  • Entfernen von lose herumliegenden Kabeln
  • Verwenden von rutschfesten Matten oder Teppichen
  • Tragen von geeignetem Schuhwerk oder im Haus von Antirutsch-Socken
  • Wenn Treppen unüberwindbar sind, dann Installation eines Treppenlifts

Therapeutische Maßnahmen

  • Gymnastik zur Mobilisierung und Stabilisierung
  • Gleichgewichtsübungen
  • Krafttraining
  • Beschäftigungstherapien
  • Optimale Medikation
  • Durch Ablenkung, Spaziergänge und Beschäftigung das Unruheverhalten reduzieren
  • Entspannungsmusik für Senioren 

EXTRA-Tipp

Wenn Sie die Wohnung/das Haus oder auch das Bad zu einer begehbaren Dusche umbauen müssen, erhalten Sie für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen Zuschüsse. In diesen Beiträgen schreibe ich darüber, welche Maßnahmen unterstützt werden und welche Anträge Sie benötigen.

Weitere Hilfen und Informationen erhalten Sie auch hier

  • Die bundesweit ansässigen Pflegestützpunkte können Ihnen in der Beratung helfen
  • Sehr hilfreiche Informationen finden Sie in der Broschüre Es geht auch anders Vermeidung freiheitsentziehender Maßnahmen, herausgegeben vom Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie des Landes Rheinland-Pfalz

 

Meine Buchempfehlung für sturzgefährdete Menschen

 

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12 comments for “Freiheitsentziehende Maßnahmen in der Pflege

  1. Anna
    16. November 2016 at 20:04

    Es gibt alternativen zu Bettgittern wie zB Matratzen neben dem Bett oder das Bett besonders niedrig einstellen.

  2. Paul
    5. Januar 2016 at 22:12

    Das ist tatsächlich eine schwierige Frage. Einen Sturz aus einem Bett sollte man aber sehr Ernst nehmen. Wie ist dann die Rechtslage, wenn sich jemand schwer verlertzt, obwohl ein Bettgitter geholfen hätte?

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