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Pflegegrad beantragen – So vermeiden Sie Fehler

Wer physische oder psychische Einschränkungen hat, die so beachtlich sind, dass Hilfe und Unterstützung von anderen Personen notwendig ist, sollte einen Pflegegrad beantragen.

Die Erteilung eines Pflegegrades ist jedoch von verschieden Faktoren abhängig. In diesem Beitrag möchte ich deshalb sehr ausführlich darauf eingehen, wie ein Pflegegrad beantragt wird und auf was beim Beantragen eines Pflegegrades geachtet werden muss.

Es ist wichtig, Fehler zu vermeiden. Denn eine falsche Bewertung bei der Begutachtung kann dazu führen, dass kein Pflegegrad oder ein zu niedriger erteilt wird. Von der Höhe des Pflegegrades sind jedoch Ihre Pflegeleistungen abhängig.

 

 

Wer hat Anspruch auf einen Pflegegrad?

Das Pflegegesetz definiert sehr genau, wer pflegebedürftig ist:

Pflegebedürftig im Sinne der Pflegeversicherung (Sozialgesetzbuch SGB XI) sind Personen, die

  • körperliche, kognitive oder psychische Beeinträchtigungen oder
  • gesundheitlich bedingte Belastungen oder Anforderungen

nicht selbstständig kompensieren oder bewältigen können.

📌 Lese-TiPP: Wer ist per Definition pflegebedürftig.

 

Pflegegrad online berechnen

Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob Sie oder Ihr Angehöriger Anspruch auf einen Pflegegrad (eine Pflegestufe) haben, können Sie sich mit meinem kostenlosen Pflegegradrechner online einen Überblick verschaffen.

Bedenken Sie jedoch, dass dies nur eine grobe Einschätzung sein kann. Letztendlich sind nur die Bewertung des Medizinischen Dienstes (MDK) und die Zusage der Pflegekasse ausschlaggebend.

 

Wie wird der Pflegegrad beantragt?

Wenn Sie einen Antrag auf Pflegeleistung stellen, sollten Sie einiges beachten und auch unbedingt Hilfe in Anspruch nehmen. Ich verweise hier an den entsprechenden Stellen, wo Sie zusätzliche Hilfe in Anspruch nehmen können und was Sie beachten sollten.

📌 Lese-TiPP: Anlaufstellen und Ansprechpartner für pflegebedürftige Menschen lesen.

 

1. Pflegebedürftigkeit abklären

Wie erkennt man eigentlich, ob eine Pflegebedürftigkeit vorliegt? Leider wird eine Pflegebedürftigkeit oft viel zu spät erkannt oder akzeptiert. Die wenigsten Menschen möchten als Pflegefall angesehen werden, schämen sich gar ihrer körperlichen oder geistigen Defizite.

Aber nur wer einen Pflegegrad hat, kann auch entsprechende Pflegeleistungen empfangen. Denn Pflegebedürftigkeit ist teuer. Falsche Scham ist deshalb fehl am Platz. Bei den meisten Pflegebedürftigen entsteht eine finanzielle Versorgungslücke im Pflegefall.

Es gibt Pflegefälle, die von einem Tag auf den anderen eintreten, wie zum Beispiel nach einem Unfall.

 

 

Bei Krankheiten oder Pflegebedürftigkeit im Alter kann es aber auch ein schleichender Prozess sein. Oftmals wird den Familienangehörigen bewusst, dass der Angehörige immer mehr Unterstützung benötigt, um die Verrichtungen des täglichen Lebens erledigen zu können.

Wenn eine Person im Krankenhaus oder einer Reha-Einrichtung ist, kann schon dort vom Sozialdienst eine Einschätzung erfolgen, ob der kranke Mensch pflegebedürftig sein wird. Auch der Hausarzt kann feststellen, ob eine Pflegebedürftigkeit vorliegt.

 

Wann sollte über die Beantragung eines Pflegegrades nachgedacht werden?

Oftmals tritt die Pflegebedürftigkeit schleichend ein. Schnell ist der richtige Zeitpunkt verpaßt, einen Pflegegrad zu beantragen. Wenn Tätigkeiten, die früher unproblematisch oder ohne fremde Hilfe ausgeführt werden konnten, plötzlich nicht mehr alleine erledigt werden können. Hierzu zählt:

  • das An- und Ausziehen: Kann das wirklich alles ohne fremde Hilfe erledigt werden?
  • Morgentoilette oder Duschen: Wer hilft hier mit? Wer wäscht die Beine oder den Rücken? Wird dem Patienten vielleicht schwindelig? Wer kämmt die Haare? Können die Zähne noch selbst geputzt werden?
  • das Gehen innerhalb der Wohnung: Ist hier fremde Hilfe nötig? Wird vielleicht schon ein Rollator, ein Rollstuhl oder ein E-Mobil benötigt?
  • das Kochen: Wer kocht? Oder wird sogar Essen auf Rädern angeliefert?
  • das Essen: Kann noch alleine gegessen werden? Muss das Essen mundgerecht zubereitet werden? Wer stellt das Trinken bereit?
  • das Einkaufen oder der Gang zum Arzt und Behörden: Ist dies vollständig ohne fremde Hilfe möglich? Wird die Unterstützung des Partners, eines Bekannten oder Verwandten benötigt?
  • die Wohnung: Wer putzt die Wohnung? Wer wäscht die Kleidung? Wer spült, deckt den Tisch und räumt auf?

 

2. Antrag auf Pflegeleistung stellen

Es ist wichtig, dass Sie sich bei der Beantragung eines Pflegegrades Zeit lassen.

 

Wer darf einen Antrag auf die Erteilung eines Pflegegrades stellen?

Den Antrag auf Pflegeleistung muss der Pflegebedürftige stellen und unterschreiben. Pflegende dürfen keinen Antrag stellen. Nur wenn die pflegebedürftige Person selbst keinen Antrag mehr stellen kann, können vertretungsberechtigte Personen, die über eine entsprechende Vollmacht verfügen, einen Antrag stellen. Legen Sie die Vollmacht dann bitte dem Genehmigungsantrag bei. Trotzdem ist es bei vielen Familien der Fall, dass die Angehörigen gemeinsam mit dem Pflegebedürftigen den Antrag formulieren und stellen, so dass die pflegebedürftige Person nur noch unterschreiben muss.

Der Antrag kann entweder

  • formlos schriftlich oder
  • telefonisch oder
  • persönlich

gestellt werden.

 

Wo wird der Antrag auf einen Pflegegrad gestellt?

Der Antrag wird bei der Pflegekasse gestellt. Die Pflegekasse/Pflegeversicherung ist im Prinzip Ihre Krankenkasse/Krankenversicherung und hat somit meist auch die gleiche Anschrift wie Ihre Krankenkasse.

ExtraTIPP: Stellen Sie den Antrag am besten schriftlich. Damit vermeiden Sie unter Umständen viel Ärger, denn: Wird der Pflegegrad genehmigt, erhalten Sie ab dem Tag der Antragstellung Pflegeleistungen. Dies lässt sich am einfachsten mit einem schriftlichen Antrag belegen.

Musterbrief: Formloses Schreiben zum Beantragen einer Pflegeleistung

Name des Pflegebedürftigen, Straße und Hausnummer, PLZ und Ort

 

An die
(Name Ihrer Pflegekasse/Krankenkasse)
Straße und Hausnummer
PLZ und Ort

Datum

Antrag auf Pflegeleistungen für (Name der pflegebedürftigen Person)
Versicherungs-Nummer (Versicherungs-Nr. der pflegebedürftigen Person)

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit diesem Schreiben beantrage ich Leistungen aus der Pflegeversicherung. Zur Feststellung des Pflegegrades bitte ich um eine kurzfristige Begutachtung.

Für eine zeitnahe Abwicklung bedanke ich mich im Voraus.

Mit freundlichen Grüßen

Unterschrift

 

3. Formular ausfüllen

Nachdem Sie mit der Pflegekasse Kontakt aufgenommen haben, werden Sie unter Umständen (nicht zwingend) ein Formular erhalten. Bitte füllen Sie dieses sorgfältig aus und schicken es an Ihre Pflegekasse zurück.

Neben einigen Daten zur Person, werden in dem Fragebogen auch noch andere Fragen gestellt.

1. Sie werden über das Formular gefragt, ob Sie Pflegegeld, Sachleistungen (also die Dienstleistung eines Pflegedienstes) oder Kombipflege in Anspruch nehmen möchten. Wenn Sie einen Pflegedienst mit beauftragen möchten, empfehle ich Ihnen, gleich im Antrag Kombipflege anzukreuzen. Pflegen Sie selbst, erhalten Sie das volle Pflegegeld. Nehmen Sie ständig oder ausnahmsweise einen Pflegedienst hinzu, erhalten Sie nur noch einen prozentualen Anteil am Pflegegeld. 📌 Lese-TiPP: Die Wahl des richtigen Pflegedienstes.

2. Haben Sie nur Pflegegeld angekreuzt und wollen später auf Kombipflege umsteigen, müssen Sie das nochmals separat der Pflegekasse mitteilen und beantragen. DENN: Kombipflege muss beantragt werden und erfolgt nicht automatisch.

3. Eine weitere Frage ist, wer die Pflegepersonen sind. Tragen Sie hier die Namen der pflegenden Personen ein. Wer länger als 10 Stunden pro Woche pflegt, erhält Beiträge zur Rentenversicherung bezahlt. Dies gilt seit dem 01.07.2017 auch für pflegende Rentner, die einen Angehörigen pflegen. Pflegen Sie mehrere Personen (zum Beispiel den Vater und die Mutter, beide mit Pflegegrad) können Sie die Pflegezeiten addieren und erhalten für das Pflegen von mehreren Personen die Rentenbeitäge bezahlt – die sogenannte Additionspflege.

 

Pflegen mehrere Personen, bekommen nur die Personen die Rentenversicherungsbeiträge bezahlt, die auch tatsächlich über 10 Stunden/Woche pflegen.

4. Außerdem wird man Sie fragen, wer noch über die MDK-Begutachtung benachrichtigt werden soll. Lassen Sie die pflegebedürftige Person nie alleine begutachten. Tragen Sie deshalb die Personen ein, die bei der Begutachtung mit anwesend sein werden (pflegende Familienangehörige, Mitarbeiter Pflegedienst oder Pflegestützpunkt usw.).

 

Wer hilft beim Ausfüllen des Antrags auf Pflegeleistungen?

Wenn Sie unsicher beim Ausfüllen des Formulars für den Pflegegradantrag sind, können Sie sich professionelle Hilfe nehmen. Unter anderem können Sie bei den Pflegestützpunkten Hilfe erhalten. Wenn Sie bereits einen Pflegedienst haben oder wissen, dass Sie einen Pflegedienst benötigen, können Sie auch dort den Sozialdienst in Anspruch nehmen. Außerdem gibt es kostenpflichtige Pflegeberater, die Ihnen helfen können.

 icon-exclamation-triangle  Ein Pflegegrad kann nicht rückwirkend beantragt werden.

 

 

Wie geht es weiter wenn der Antrag auf Pflegebedürftigkeit gestellt wurde?

  • Nachdem die Pflegekasse Ihren Antrag erhalten hat, wird dieser bearbeitet.
  • Der Medizinische Dienst der Krankenkasse wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen und – in der Regel – schriftlich einen Termin für die Begutachtung bei Ihnen zu Hause vereinbaren.
  • Sollten Sie den Termin nicht wahrnehmen können, vereinbaren Sie bitte einen Alternativtermin mit dem Gutachter.

 

4. Vorbereitung für die Begutachtung durch den Gutachter des MDKs

Die MDK-Begutachtung ist der schwierigste Teil bei der Beantragung eines Pflegegrades. Bei der MDK-Begutachtung kann sehr viel falsch gemacht werden.

Bereiten Sie sich deshalb gut vor:

  • Führen Sie über einen Zeitraum von 1 bis 2 Wochen ein Pflegetagebuch. Vermerken Sie in dem Pflege-Tagebuch auch, wo besonders viel zusätzliche oder aufwändige Unterstützung benötigt wird.
  • Richten Sie alle notwendigen Krankenhaus-, Arzt-, Rehaberichte usw. zusammen. Am besten gleich in Kopie – dann kann der Gutachter diese mitnehmen.
  • Bereiten Sie auch die zu begutachtende Person auf die Begutachtung vor. Mehr dazu in meinem Beitrag „Tipps, wie Sie Fehler bei der MDK-Begutachtung vermeiden“.
  • Für den Begutachtungstermin sollten Sie sich fachliche Unterstützung hinzunehmen. Es sollte ein Mitarbeiter des Pflegestützpunktes oder eines Pflegedienstes bei der MDK-Begutachtung mit anwesend sein. Diese Personen sind meist viel versierter als wir pflegenden Angehörigen und können dem Gutachter die Pflegesituation genau erläutern.

📌 Lese-TiPP:  Warum es wichtig ist, ein Pflegetagebuch zu führen

 

 

5. Begutachtung des Antragstellers

Der Gutachter des MDKs kommt zum vereinbarten Zeitpunkt zu Ihnen nach Hause um die pflegebedürftige Person zu begutachten. Das nennt sich: Verfahren zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit. Stellen Sie dabei den Alltag so dar wie er tatsächlich ist. Beschönigen Sie nichts und dramatisieren Sie auch nicht Dinge, die so nicht vorhanden sind.

Die Begutachtung erfolgt nach dem Neuen Begutachtungsassessment (NBA) über 6 Module des täglichen Lebens. Es wird die Selbstständigkeit des Antragstellers bewertet. Das heißt, in das Gutachten fließt ein, was der Antragsteller noch selbst machen kann und wo und in welchem Umfang er Hilfe benötigt.

Folgende Lebensbereiche werden begutachtet

  • Modul 1 – Mobilität
  • Modul 2 – Kognitive und kommunikative Fähigkeiten
  • Modul 3 – Verhalten und psychische Problemlagen
  • Modul 4 – Selbstversorgung
  • Modul 5 – Bewältigung von und selbstständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen
  • Modul 6 – Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte

 

 

Was ist, wenn die zu begutachtende Person im Krankenhaus ist?

Ausnahmefall: Begutachtung im Krankenhaus

Wird eine Person zu Hause gepflegt, wird Sie im Normalfall auch zu Hause begutachtet.

Eine Ausnahme ist, wenn sich der Antragsteller im Krankenhaus oder einer Reha befindet und davon auszugehen ist, dass er nicht mehr in die häusliche Umgebung zurück kann. Dann kann eine Begutachtung im Krankenhaus stattfinden. Dies wird am besten über den Sozialdienst des Krankenhauses/der Rehaeinrichtung beantragt.

Das gleiche gilt für Personen, die – z.B. für eine Kurzzeitpflege – in einer Pflegeeinrichtung untergebracht sind und auch hier absehbar ist, dass nach der Kurzzeitpflege keine Rückführung in die häusliche Umgebung möglich ist.

Ist der Antragsteller jedoch zum Begutachtungstermin im Krankenhaus und es ist absehbar, dass er nach der Entlassung wieder ins häusliche Umfeld zurückkehrt, wird die Begutachtung verschoben. Diese findet dann nach Rückkehr aus dem Krankenhaus statt.

 

Was ist eine Entscheidung auf Aktenlage?

Ausnahme: Entscheidung auf Aktenlage

In Ausnahmefällen ist es möglich, dass keine persönliche Begutachtung durch einen Gutachter stattfindet, sondern der Pflegegrad aufgrund der Aktenlage (Befunde vom Arzt, Krankenhaus, Rehaeinrichtung usw.) erteilt wird.

Dies geschieht dann, wenn die Situation klar und eindeutig ist oder wenn sehr schnell – also im Eilverfahren – eine Pflegegradeinstufung erfolgen muss. Allerdings ist dieses Vorgehen eher die Ausnahme.

Außerdem kann es sein, dass nachträglich noch eine Begutachtung stattfindet.

 

Was ist, wenn der Pflegebedürftige die Begutachtung verweigert?

Verweigerung der Begutachtung hat Konsequenzen

Leider gibt es auch so etwas, dass die pflegebedürftige Person (oder pflegende Angehörige) keine Begutachtung will und diese ablehnt.

Um die Pflegebedürftigkeit feststellen zu können, ist jedoch eine Begutachtung notwendig.
Kann nicht nach Aktenlage entschieden werden, wird der Gutachter mit einem entsprechenden Vermerk die Unterlagen an die Pflegekasse zurückgeben. Das bedeutet dann aber auch, dass kein Pflegegrad oder keine Höherstufung zugesprochen werden kann.

Wie geht es nun weiter?

Der Gutachter des Medizinischen Dienstes erstellt aufgrund seiner Befragungen und seiner Begutachtung ein Gutachten. Das Gutachten enthält eine Empfehlung für eine Einstufung in einen Pflegegrad.

Dieses Gutachten geht an die Pflegekasse. Die Pflegekasse kann sich an die Empfehlung des MDKs halten, muss aber nicht. Das bedeutet, dass letztendlich die Pflegekasse über den Pflegegrad entscheidet.

 

 

Sie erhalten dann von der Pflegekasse einen Bescheid über die Eingruppierung in den Pflegegrad, die Ablehnung des Pflegegrades oder die Höherstufung des Pflegegrades.

 

6. Bescheid über Erteilung oder Ablehnung eines Pflegegrades

Wie lange dauert es, bis der Bescheid von der Pflegekasse kommt? Seit Anfang des Jahres 2018 gilt für Pflegebedürftige in häuslicher Pflege wieder folgendes: Die Pflegekasse muss dem Antragsteller auf Pflegeleistungen innerhalb von 25 Arbeitstagen mitteilen, ob der Antrag genehmigt oder abgelehnt wurde.

Erhalten Sie nicht innerhalb dieser 25-Arbeitstage-Frist einen Bescheid von Ihrer Pflegekasse, muss die Kasse für jede Woche nach Fristablauf 70 Euro an Sie bezahlen. Dies gilt sowohl für die erste Beantragung eines Pflegegrades als auch für eine Höherstufung.

Für Menschen, die in einer Pflegeeinrichtung leben und mindestens Pflegegrad 2 haben, gilt diese Regelung nicht.

Warum ist diese Regelung so wichtig? Pflegebedürftigkeit kommt oft unverhofft und die betroffenen Familien müssen dann schnell wissen, wie es weitergeht, welche Unterstützungen sie erhalten und mit welchem Pflegegeld sie rechnen können. Deshalb ist es wichtig, dass die Angehörigen so schnell wie möglich Bescheid erhalten. Mehr dazu auch hier.

Gesetzestext-Auszug: § 18 Abs. 3b Satz 5 SGB XI.

 

7. Anerkennung oder Widerspruch über die Einteilung in einen Pflegegrad

Sie haben von der Pflegekasse nun einen Bescheid über die Einstufung in einen Pflegegrad (quasi einen (Pflegegradnachweis“) erhalten – ODER eine Ablehnung für einen Pflegegrad erhalten.

Wichtig ist auf alle Fälle, dass Sie mit dem Bescheid der Pflegekasse auch das Gutachten des MDKs erhalten. Auf Basis dieses Gutachtens können Sie (oder ein fachkundiger Berater wie zum Beispiel ein Mitarbeiter eines Pflegestützpunktes) erkennen, ob alle Werte richtig erfasst wurden. Wenn Sie das Gutachten nicht erhalten haben, fordern Sie es bitte umgehend an, denn Sie haben ein Recht auf das Gutachten.

Wenn Sie mit der Eingruppierung einverstanden sind, müssen Sie nichts unternehmen und erhalten die Pflegeleistungen der Pflegeversicherung.

Wenn Sie nicht einverstanden sind mit der Eingruppierung in den Pflegegrad, müssen Sie innerhalb von 4 Wochen einen Widerspruch einlegen.

📌 Lese-TiPP: Pflegegrad abgelehnt ► Widerspruch einlegen.

 

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Was sagen die Pflegegrade aus?

Wenn Sie einen Pflegegrad beantragen, werden Sie nach Ihrer Selbstständigkeit und was Sie selbst noch erledigen können bzw. wobei Sie Hilfe benötigen, beurteilt. Diese Bewertung wird dann in Punkte umgerechnet. Je mehr Punkte, umso höher der Pflegegrad.

 

Pflegegrad 1

  • bedeutet eine geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit
  • Der Pflegegrad 1 ist nicht zu vergleichen mit irgendeiner Pflegestufe, wie es vor dem 01.01.2017 gab. Der Pflegegrad 1 enthält deutlich weniger Pflegeleistungen als die Pflegegrade 2 bis 5.
  • In Pflegegrad 1 wird eingestuft, wer im Gutachten 12,5 bis unter 27 Punkte erreichte.

 

Pflegegrad 2

  • bedeutet eine erhebliche Beeinträchtigung der Selbstständigkeit
  • In Pflegegrad 2 wird eingestuft, wer im Gutachten 27 bis unter 47,5 Punkte erreichte.

 

 

Pflegegrad 3

  • bedeutet schwere Beeinträchtigung der Selbstständigkeit
  • In Pflegegrad 3 wird eingestuft, wer im Gutachten 47,5 bis unter 70 Punkte erreichte.

 

Pflegegrad 4

  • bedeutet schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit
  • In Pflegegrad 4 wird eingestuft, wer im Gutachten 70 bis unter 90 Punkte erreichte.

 

Pflegegrad 5

  • bedeutet schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit mit besonderen Anforderungen an die Versorgung
  • In Pflegegrad 5 wird eingestuft, wer im Gutachten 90 bis 100 Punkte erreichte.

 

Wie läuft das Widerspruchsverfahren ab?

Wenn Sie mit der Entscheidung der Pflegekasse nicht einverstanden sind, können Sie Widerspruch einlegen.

ExtraTIPP: In Deutschland werden jährlich ca. 30 % der Anträge auf Pflegeleistungen (bzw. Höherstufung) abgelehnt. Manche Ablehnungen sind mit Sicherheit berechtigt.

Andererseits ist es jedoch so, dass es sehr schwer für einen Gutachter ist, innerhalb von 1 – 2 Stunden die Gesamtsituation eines Antragstellers richtig zu erfassen. Die Begutachtung kann aufgrund des Zeitdrucks unter Umständen deshalb zu oberflächlich und unzureichend erfolgen.

Eine falsche Einschätzung kann aber die Einstufung in einen Pflegegrad kosten.

So funktioniert das Widerspruchsverfahren:

    1. Nach Erhalt des Bescheids der Pflegekasse müssen Sie innerhalb von 4 Wochen Widerspruch einlegen. Sie müssen den Widerspruch sehr gut vorbereiten. Dazu können Sie meinen Musterbrief Widerspruch Einstufung Pflegegrad verwenden.
  1. Die Pflegekasse prüft aufgrund der Aktenlage und Ihrer fundierten Widerspruchserklärung den Fall.
  2. Die Pflegekasse kann entweder auf Aktenlage Ihren Widerspruch anerkennen oder sie schickt erneut einen Gutachter vom MDK für ein Zweitgutachten.
  3. Wird mit dem Zweitgutachten der Widerspruch abgelehnt, kann vor dem Sozialgericht geklagt werden.

 

Ab wann werden die Leistungen bezahlt?

Wurde der Pflegegrad bzw. die Höherstufung genehmigt, werden die Pflegeleistungen rückwirkend ab dem Monat der Antragstellung gewährt und bezahlt.

Hierzu ein Beispiel

Herr Müller hat 

⇒ am 29.03.2017 telefonisch bei der Pflegekasse ein Antragsformular auf Pflegeleistungen angefordert. 
⇒ Am 31.03.2017 hat Herr Müller das ausgefüllte Antragsformular bei der Pflegekasse abgegeben. 
⇒ Am 15.04.2017 fand die Begutachtung durch den MDK statt. 
⇒ Am 02.05.2017 erhielt Herr Müller den Bescheid über die Einstufung in einen Pflegegrad.

Herr Müller erhält somit ab März 2017 Pflegeleistungen.

 

 

Welche Leistungen erhalten Pflegebedürftige?

Sobald der Pflegegrad genehmigt wurde, erhalten die Pflegebedürftigen der Pflegegrade 2, 3, 4 und 5 die nachfolgend aufgeführten Pflege-Leistungen. 

  1. Pflegegeld
  2. Pflegesachleistungen (z.B. für einen Pflegedienst).
  3. Kombination von Pflegegeld und Pflegesachleistung. Die Höhe des Pflegegeldes können Sie sich mit meinem kostenlosen Pflegegeldrechner errechnen lassen.
  4. Tagespflege / Nachtpflege
  5. Kurzzeitpflege
  6. Verhinderungspflege
  7. Pflegeleistungen für vollstationäre Pflege
  8. Zuschuss zu wohnumfeldverbessernden Maßnahmen in Höhe von 4.000 Euro pro Maßnahme. Diese Gelder können für einen behindertengerechten Badumbau genauso beantragt werden wie für den Einbau eines Treppenlifts.
  9. Zusätzliche Betreuung und Aktivierung in stationären Pflegeeinrichtungen
  10. Entlastungsbetrag (bei häuslicher Pflege und bei teilstationärer Pflege) in Höhe von 125 Euro pro Monat
  11. Zum Verbrauch bestimmte Pflegehilfsmittel im Wert von 40 Euro pro Monat
  12. Hilfsmittel wie zum Beispiel Pflegebetten, Rollatoren oder Elektromobile usw.
  13. Beitragszahlung für die Pflegeperson(en) zur Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung sowie zur Unfallversicherung (unter gewissen Voraussetzungen)
  14. Pflegezeit und Familienpflegezeit
  15. Pflegekurse und Pflegeberatung
  16. Beratungseinsätze
  17. Leistungen des Persönlichen Budgets
  18. Anschubfinanzierung zur Gründung einer ambulanten Wohngruppe

* Bei den Positionen 1 – 4 ist die Höhe der Pflegeleistung abhängig vom Pflegegrad.

 

Höherstufung in einen anderen Pflegegrad

Der Grad der Selbstständigkeit kann sich im Laufe der Pflegebedürftigkeit verändern und es muss dann eine Höherstufung erfolgen. Die Einstufung in einen höheren Pflegegrad erfolgt im Prinzip genauso wie die Erstbeantragung eines Pflegegrades.

 

 

Was ist, wenn schon vor Erteilung eines Pflegegrades Hilfe benötigt wird?

Es ist durchaus möglich, dass Sie bereits vor Erteilung und Genehmigung eines Pflegegrades Kurzzeitpflege, Pflege in einer vollstationären Einrichtung oder einen Pflegedienst in Anspruch nehmen müssen. Oft tritt bei einem Unfall die Pflegebedürftigkeit von einem auf den anderen Tag ein und es wird dann auch meist sehr schnell fremde Hilfe benötigt.

In diesem Fall müssen Sie in Vorleistung gehen und die Kosten für die Pflege selbst übernehmen. Nach Genehmigung des Pflegegrades übernimmt die Pflegekasse rückwirkend die Kosten für die Pflege ab dem Monat der Antragsstellung. Wird kein Pflegegrad genehmigt, werden auch keine Kosten übernommen.

Können Sie aus finanziellen Gründen nicht in Vorleistung gehen, können Sie unter gewissen Voraussetzungen Unterstützung beim Sozialamt beantragen.

 

Warum es wichtig ist, den richtigen Pflegegrad zu erhalten?

Was für Vorteile hat ein Pflegegrad?

Bei Pflegebedürftigkeit von Vorteilen zu sprechen, ist eigentlich sehr unpassend. Trotzdem ist es so: Wer tatsächlich pflegebedürftig ist, sollte auch einen Pflegegrad beantragen. Denn Pflege ist sehr teuer und mit dem genehmigten Pflegegrad erhalten Sie auch finanzielle Leistungen wie Pflegegeld, Pflegesachleistungen, Zuschüsse zu wohnumfeldverbessernden Maßnahmen usw.

Bei der häuslichen Pflege ist es besonders wichtig, in den richtigen Pflegegrad eingestuft zu werden, da zwischen einem höheren oder niedrigeren Pflegegrad sehr hohe finanzielle Unterschiede liegen können.

Bei der Pflege in einer Pflegeeinrichtung (Pflegeheim, Altenheim) spielt die Einordnung ab Pflegegrad 2 nicht mehr so eine große Rolle, da alle Bewohner eines Pflegeheimes einen einrichtungseinheitlichen Beitrag zahlen. Das heißt, jeder Bewohner zahlt den gleichen Betrag für die Pflege, unabhängig vom Pflegegrad.

Wie es sich finanziell auswirkt, wenn Sie in einen zu geringen Pflegegrad eingeteilt werden, entnehmen Sie bitte dieser Leistungstabelle.

 

Ein Praxisbeispiel für einen Fehler bei der Beantragung eines Pflegegrades

Mir ist ein Fall persönlich bekannt, wo ein Pflegegrad abgelehnt wurde, weil die Patientin sich selbst überschätzt hatte und der Gutachter sie dadurch komplett falsch einstufte. Die Patientin hatte eine schwere COPD IV (chronische Lungenerkrankung) im Endstadium und musste rund um die Uhr mit Sauerstoff beatmet werden.

Das Gehen fiel ihr sehr schwer, das Treppensteigen war ihr überhaupt nicht mehr möglich, weil sie keine Luft mehr bekam. Kleine Arbeiten im Haushalt und die Körperpflege konnte sie nur unter allergrößten Anstrengungen ausführen, benötigte aber sehr viel Hilfe. Kochen konnte sie auch nicht mehr. Um wenigstens im Haus mobil zu sein, wollte sie einen Treppenlift einbauen lassen und beantragte einen Zuschuss bei der Pflegekasse.

Der Zuschuss wurde abgelehnt, weil laut Gutachter kein Grund für eine Einordnung in eine Pflegestufe/einen Pflegegrad vorlag und somit auch kein Treppenlift notwendig sei. Ein Zuschuss für einen Treppenlift wird nur genehmigt, wenn ein Pflegegrad vorliegt.

Erst als die Patientin wieder ins Krankenhaus musste, wurde direkt von der Sozialstation des Krankenhauses erneut ein Antrag auf Pflegestufe/Pflegegrad gestellt, diesmal aber richtig. Die Patientin bekam dann aufgrund dieses Antrags tatsächlich einen Pflegegrad zugeteilt, allerdings zu spät. Die Genehmigung kam eine Woche, nachdem die Patientin an ihrer Krankheit verstorben war.

 

 

Was war geschehen?

Warum wurde diese Patientin beim ersten Antrag falsch eingestuft mit solch fatalen Auswirkungen?

    • Sie wusste nicht, dass für eine Bezuschussung des Treppenlifts ein Pflegegrad nötig ist.
    • Als der Gutachter des Medizinischen Dienstes der Pflegeversicherung kam, ging die Patientin davon aus, es gehe lediglich um den Zuschuss für den Treppenlift und nicht um eine Einstufung in die Pflegestufe.
    • Der Gutachter der Pflegeversicherung beschritt den richtigen Weg und überprüfte, ob überhaupt eine Einstufung für den Pflegegrad möglich ist. Die Patientin, gewohnt nicht zu jammern und mit der Situation völlig überfordert, gab an, dass sie ihren Haushalt noch einigermaßen führen würde und die Körperpflege auch noch irgendwie selbst erledige. Dass sie mit diesen Aufgaben jedoch komplett überfordert und auf sehr viel Hilfe angewiesen war, wollte sie nicht zugeben. Auch dass sie mehr Hilfe durch Angehörige bekam, als ihr überhaupt bewusst war, kam nie zur Sprache.
    • Der Gutachter beurteilte die Patientin nach ihren Aussagen und kam zu dem Schluss, dass keine Pflegebedürftigkeit vorliegt. Somit wurde weder der Pflegegrad noch der Zuschuss für den Treppenlift genehmigt.

 

 

Das Beantragen eines Pflegegrades hat Tücken und Fallstricke, die es von vornherein zu vermeiden gilt. Am obigen Beispiel lässt sich sehr gut erkenne, dass die Genehmigung des Pflegegrades sehr stark vom Inhalt des Antrags abhängig ist.

Und hier sitzt der Teufel im Detail, vieles muss beachtet und richtig aufgeführt werden. Das Ausfüllen des Antrages auf einen Pflegegrad ist für einen Laien nicht ganz einfach, weil dieser oftmals nicht weiß, was sich hinter den Fragen verbirgt. Oft überschätzt der Pflegebedürftige sich selbst und seine Aktivitäten und gibt deshalb unwissentlich ganz falsche Werte bei den gestellten Fragen, was er noch selbst erledigen kann, an. Hinzu kommt, dass man ja nicht jammern möchte. Man ist es gewohnt, sich zusammen zu reißen.

Außerdem hilft ja auch noch die Frau oder der Mann mit. Auch Angehörige können oftmals das Befinden des Pflegebedürftigen nicht richtig einschätzen. Es ist für Außenstehende und Laien sehr schwer zu entscheiden, was auf Dauer dem Pflegebedürftigen zugemutet werden kann. Deshalb ist es wichtig, sich beim Ausfüllen des Antrags Zeit zu nehmen und möglichst professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, so wie ich es weiter unten beschrieben habe.

 

Schnellüberblick Pflegeleistungen

Leistungsbeschreibung PG 1 PG 2 PG 3 PG 4 PG 5
Pflegegeld für ambulante Pflege 0 € 316 € 545 € 728 € 901 €
Sachleistungen für ambulante Pflege 0 € 689 € 1.298 € 1.612 € 1.995 €
Tages- und Nachtpflege 0 € 689 € 1.298 € 1.612 € 1.995 €
Kurzzeitpflege 0 € 1.612 € 1.612 € 1.612 € 1.612 €
Verhinderungspflege 0 € 1.612 € 1.612 € 1.612 € 1.612 €
Betreuungs- und Entlastungsbetrag ambulant 125 € 125 € 125 € 125 € 125 €
Leistungen für stationäre Unterbringung, z.B. im Pflegeheim 125 € 770 € 1.262 € 1.775 € 2.005 €
Zum Verbrauch bestimmte Pflegehilfsmittel 40 € 40 € 40 € 40 € 40 €
Wohnumfeldverbessernde Maßnahmen wie Zuschuss Badumbau, Türverbreiterungen, Treppenlift, usw. 4.000 € 4.000 € 4.000 € 4.000 € 4.000 €
Bundesdurchschnittlicher pflegebedingter Eigenanteil 0 € 580 € 580 € 580 € 580 €
Wohngruppenzuschlag für ambulante WGs 0 € 214 € 214 € 214 € 214 €

 

Leider ist es immer noch so, dass viele Menschen sich nicht trauen, einen Pflegegrad zu beantragen. Das kann folgende Gründe haben:

Entweder haben die Betroffenen das Gefühl, noch lange nicht pflegebedürftig zu sein, was oftmals eine Fehleinschätzung ist. Denn nicht erst, wenn man nur noch im Bett liegt, ist man pflegebedürftig. Pflegebedürftig können auch Menschen sein, die schwerere psychische Probleme haben.

Oder sie möchten noch nicht als pflegebedürftig gelten, weil sie dies vielleicht als persönliche Schwäche ansehen. Der langjährige Freund und Wegbegleiter kommt noch gut daher und selbst hat man körperliche Probleme. Vielen Personen fällt es schwer, das zuzugeben.

 

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